EU-Indien-Handelsabkommen

Ein strategischer Schritt für Europas wirtschaftliche Stärke

Ein Beitrag von Ralf Seekatz, MdEP, Mitglied im Wirtschafts- und im Handelsausschuss des Europäischen Parlaments

Europa steht wirtschaftlich und geopolitisch an einem Wendepunkt. In einer Welt zunehmender Blockbildung entscheidet wirtschaftliche Stärke über politische Handlungsfähigkeit. Gerade vor diesem Hintergrund kommt der Handelspolitik eine zentrale strategische Bedeutung zu. Handelsabkommen sind kein Selbstzweck, sondern ein wesentliches Instrument europäischer Souveränität.

Das neue Handelsabkommen zwischen der Europäischen Union und Indien ist in diesem Sinne ein Meilenstein. Es ist das größte Handelsabkommen, das sowohl die EU als auch Indien jemals geschlossen haben. Gemeinsam entsteht ein Markt mit rund zwei Milliarden Menschen und fast einem Viertel des weltweiten Bruttoinlandprodukts. Indien ist bereits heute die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt, mit einem jährlichen BIP von 3,4 Billionen Euro und einer Bevölkerung von 1,45 Milliarden Menschen und zugleich der neuntgrößte Handelspartner der EU.

Für Deutschland und Europa bedeutet dieses Abkommen konkret: bessere Exportchancen für unsere Industrie, niedrigere Zölle, höhere Wettbewerbsfähigkeit und ein vereinfachter Marktzugang insbesondere für den Mittelstand. Der Schutz geistigen Eigentums wird gestärkt, Investitionen werden verlässlicher abgesichert. Bereits heute exportiert die EU Waren im Wert von rund 75 Milliarden Euro jährlich nach Indien, die EU-Investitionsbestände belaufen sich auf etwa 140 Milliarden Euro. Dieses Abkommen hebt diese Beziehungen auf ein neues, strategisch stabiles Niveau.

Besonders wichtig ist: Die europäische Landwirtschaft ist vollständig ausgeklammert. Das Abkommen konzentriert sich klar auf Industrie, Dienstleistungen und Investitionen und trägt damit gezielt zur Sicherung und Schaffung von Arbeitsplätzen in der europäischen Exportwirtschaft bei.

Zugleich stärkt das Abkommen die Partnerschaft mit Indien als demokratischem Anker im indopazifischen Raum. In einer Zeit, in der sich geopolitische Gewichte verschieben und alte Gewissheiten brüchig werden, ist wirtschaftliche Diversifizierung Voraussetzung politischer Souveränität. Europa muss seine Abhängigkeiten reduzieren und sich eigenständig positionieren können.

Genau wie das Abkommen mit den Mercosur-Staaten, bei dem sich das Europäische Parlament bei der entscheidenden Abstimmung nicht mit Ruhm bekleckert hat, eröffnet das neue Handelsabkommen mit Indien europäischen Unternehmen Zugang zu wachsenden Märkten, sichert Wertschöpfung und Arbeitsplätze und trägt zur Stabilisierung globaler Lieferketten bei. Beide Abkommen stärken damit unmittelbar den Wohlstand im europäischen Binnenmarkt.

Wer Europas Wohlstand, industrielle Basis und außenpolitische Glaubwürdigkeit sichern will, muss Handelsabkommen als strategisches Instrument begreifen. Das EU-Indien-Abkommen ist ein wichtiger Schritt auf diesem Weg und bedeutet Wettbewerbsfähigkeit, Arbeitsplätze und ein handlungsfähiges Europa.

Stellv. Vorsitzender der CDU/CSU Gruppe
im Europäischen Parlament